Schülerinnen aus Vechta besuchen das Friedensbüro Münster

Vor Kurzem hatte das Friedensbüro Besuch aus Vechta. Frau Kathmann, die Fachgruppenleiterin Religion der Liebfrauenschule, war mit den Schülerinnen des Seminarfachs „Shalom – Konflikt und Dialog‟ in Münster zu Gast. Gemeinsam haben wir uns auf die Suche nach Konflikten in Münsters Stadtgeschichte gemacht und uns gefragt, was wir aus diesen Ereignissen für ein friedlicheres Zusammenleben lernen können.

Zu Beginn unseres Treffens stand zunächst eine kurze Einführung. Was hat es mit Münster und dem Frieden auf sich und warum hat Münster überhaupt ein Friedensbüro? Münster ist Stadt des Westfälischen Friedens, aber anders als andere Städte, bezeichnet sich Münster selbst nicht als „Friedensstadt‟. Hierfür gibt es verschiedene Gründe – einer davon ist der, dass es in Münster Beispiele für Konflikte und Krisen gibt, die auch zu unserer Stadtgeschichte dazugehören, die noch heute sichtbar sind und uns prägen.

Natürlich kommt es überall da, wo Menschen zusammenleben, zu Auseinandersetzungen, da ist Münster keine Ausnahme. Der Dreißigjährige Krieg hat zum Beispiel nicht nur die Menschen in Münster belastet, sondern ganz Europa. Auch wenn wir uns nicht als Friedensstadt bezeichnen, so hat Münster als Stadt des Westfälischen Friedens dennoch eine besondere Verantwortung. Und dieser Verantwortung wollen wir gerecht werden, indem wir wachsam, sprach- und handlungsfähig sind, wenn es um Konflikte geht. Unser Leitspruch lautet hier „Frieden durch Dialog‟. Wir wollen uns an die große historische Leistung der europäischen Gesandten erinnern, die über fünf Jahre hinweg gemeinsam beharrlich über die Beendigung eines jahrzehnteandauernden Krieges verhandelt haben: Frieden durch Dialog, Krisenprävention, Konfliktlösung durch Verhandlung, durch Mediation, durch Austausch.

Es geht also nicht darum, die Auseinandersetzungen auszublenden, sondern um die Frage, wie wir mit ihnen umgehen können. Mit den Schülerinnen der Liebfrauenschule haben wir uns daher auf die Spuren der Münsteraner Stadtgeschichte begeben und gemeinsam haben wir uns mit Konflikt- und Dialogsituationen in Münster beschäftigt. Auf einem Rundgang rund um das Rathaus des Westfälischen Friedens haben wir Orte aufgesucht, die für eine Krise/ einen Konflikt in unserer Stadtgeschichte stehen und geschaut, ob und wie aus diesen Ereignissen heraus ein Dialog entwickelt werden konnte.

Toleranz durch Dialog

Los ging es am Platz des Westfälischen Friedens, denn hier steht mit Eduardo Chillidas Skulptur „Toleranz durch Dialog‟ eines der zentralen Friedenszeichen unserer Stadt. Eduardo Chillida hat dieses Kunstwerk extra für genau diesen Platz konzipiert und angefertigt. Es bezieht sich unmittelbar auf die Verhandlungen zum Westfälischen Frieden und steht für Dialog, auch unter schwierigen Bedingungen. (Ich habe hier auf dem Blog schon einmal ausführlicher über „Toleranz durch Dialog‟ und den Platz des Westfälischen Friedens geschrieben. Den Beitrag findet Ihr hier.)

Die Vernichtung der ersten jüdischen Gemeinde Münsters

Von der Chillida-Skulptur geht es weiter zu der Gedenktafel am Stadthaus I, die an die Vernichtung der ersten jüdischen Gemeinde Münsters erinnert. Um 1300 wurde erstmals eine Synagoge am Syndikatplatz erwähnt. Die Jüdinnen und Juden wurden unberechtigt für den Ausbruch der Pest in der Stadt verantwortlich gemacht. Während der Pestpogrome 1350 wurde die Gemeinde vernichtet. Judenfeindschaft und Antisemitismus gibt es bereits seit sehr langer Zeit; gleichzeitig ist Antisemitismus eines der aktuellsten Vorurteile gegenüber einer Gruppe von Menschen.

In Münster setzt sich der Geschichtsort Villa ten Hompel intensiv mit dem Thema Antisemitismus auseinander, veranstaltet mit verschiedenen Zielgruppen Projekte zu geschichtlichen und aktuellen Themen zwischen Erinnerungskultur und Demokratieförderung. Darunter zum Beispiel auch „Antisemi…was? Reden wir darüber!‟, in dessen Rahmen diese Broschüre entstanden ist. Gemeinsam mit den Schulen in Münster organisiert die Villa ten Hompel jedes Jahr am 27. Januar auf dem Platz des Westfälischen Friedens eine Gedenk­ver­an­staltung für die Opfer der national­sozia­listischen Verfolgung. Der Platz des Westfälischen Friedens ist ein lebendiger Ort der Erinnerungsarbeit und der Friedenskultur in Münster, aber er erinnert uns auch an die dunklen Stunden unserer Stadt.

Das Täuferreich von Münster

Vom Platz des Westfälischen Friedens machen wir uns auf den Weg zum Prinzipalmarkt. Die Lambertikirche und die Täufer-Körbe sind zu einem Wahrzeichen der Stadt Münster geworden. Die Geschichte, die hinter ihnen steht ist die, eines Konfliktes, der blutig endete. Das Täuferreich, das in den 1530er Jahren in Münster errichtet wurde, ist eine historische Einmaligkeit. Die radikalreformatorischen Täufer versetzten die Stadt für anderthalb Jahre in einen Ausnahmezustand. Sie führten Gütergemeinschaft und Mehrehe ein, verbrannten das Ratsarchiv und verlangten die Erwachsenentaufe. Wer sich weigerte, musste die Stadt verlassen.

Das Königreich der Täufer währte nicht lang. 1535 wurde die Stadt erobert, die meisten Männer und einige führende Frauen getötet. Drei der Anführer der Täufer – Jan van Leiden, Bernhard Knipperdolling und Bernd Krechting – wurden im Januar 1536 auf dem Prinzipalmarkt hingerichtet. Die toten Körper der drei Männer wurden zur Abschreckung in drei Eisenkörben am Turm der Lambertikirche zur Schau gestellt. Bis heute sind die Original-Körbe hier zu sehen, auch wenn ihr Verbleib durchaus umstritten ist.

Die Ereignisse rund um das Täuferreich bleiben in Münster jedoch nicht unkommentiert und an beide Seiten der Geschichte wird in der Stadt erinnert. Der Künstler Lothar Baumgarten schuf im Rahmen der Skulptur Projekte 1987 die Lichtinstallation „Drei Irrlichter‟: eine schwach brennende Glühbirne in jedem der drei Körbe. Mit dem Kunstwerk erinnert Baumgarten an die Geschehnisse in Münster, gleichzeitig ist die Installation eine Mahnung für einen gerechten und menschlichen Umgang mit Menschen, die an etwas anderes glauben als man selbst. Mit seiner Skulptur „Wasser in Münster‟, die im Straßenpflaster des Prinzipalmarkts eingelassen ist, erinnert Adolph W. Knüppel an die Zwangstaufen, die während der Täuferherrschaft vollzogen wurden. Das für das Kunstwerk verwendete Wasser stammt aus einem unterirdischen Brunnen, der schon zu Zeiten der Täufer existiert haben soll, und aus dem Jordan.

Dreißigjähriger Krieg und Westfälischer Frieden

Vom Prinzipalmarkt geht es zurück zum Rathaus, in den Friedensaal – den Ort in Münster, der wie kein anderer für den Westfälischen Frieden steht. Im Friedensaal sprechen wir darüber, wie schwierig die Verhandlungsbedingungen für die Gesandten waren, denn noch nie zuvor hatte es ein ähnliches Format gegeben. Es gab keine Regeln, kein diplomatisches Protokoll nach dem man sich richten konnte. Unzählige Male drohte der Kongress zu scheitern; aber die Vertreter der europäischen Mächte blieben im Dialog, sie wählten pragmatische Lösungen, hielten Kompromisse aus und schafften letztlich das Unvorstellbare: den ersten Friedensschluss in der Geschichte Europas, der nicht durch Waffengewalt, sondern durch Verhandlung erreicht wurde.

Im Friedensaal endet unser Rundgang. Natürlich war das ein Schnelldurchgang durch die Münsteraner Stadtgeschichte und nicht alle Details können auf diese Weise in der gebührenden Ausführlichkeit beleuchtet werden. Aber ich hoffe, dass ich den Seminarteilnehmerinnen einen kleinen Einblick in die Stadt des Westfälischen Friedens geben konnte. Die Konflikte, die wir uns angesehen haben, sind sehr unterschiedlich, aber sie alle berühren Fragen, die auch für unser heutiges Zusammenleben wichtig sind: Fragen unterschiedlicher Ansichten und Glaubensrichtungen, Fragen von Macht und Einflussnahme und die Frage, wie ein friedliches Zusammenleben und Akzeptanz von Vielfalt gelingen kann. Die Antworten auf diese Fragen sind nicht einfach zu finden und umso wichtiger ist es, dass wir dazu in einem anhaltenden Dialog bleiben, sei es durch Erinnerungsarbeit, Kunstwerke im öffentlichen Raum, Vernetzungsprojekte oder gemeinsame Stadtrundgänge.

Und vielleicht haben die Schülerinnen der Liebfrauenschule nun ja Lust bekommen, auch in Vechta Beispiele für einen Frieden durch Dialog aufzuspüren. Das Friedensbüro bedankt sich ganz herzlich für den Besuch und steht während des Seminars (und darüber hinaus) in jedem Fall sehr gerne weiter als Ansprechpartnerin zur Verfügung!

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