Podiumsdiskussion des FANports Münster: „Jüdischer Sport in Deutschland und im Münster der 1930er Jahre‟

Gestern lud das sozial­pädagogische Fan­projekt der Outlaw Kinder- und Jugend­hilfe „FANport Münster‟ zu einer spannenden und eindrück­lichen Podiums­ver­an­stal­tung mit Kurz­vorträgen und anschlie­ßender Dis­kussion in den Gemeinde­saal der Pfarrei Liebfrauen-Überwasser ein.

Die Veranstaltung fand im Zuge der Aus­stellung „Zwischen Erfolg und Verfolgung‟ statt, die wir zurzeit in Koope­ration mit dem FANport, der Kirchen­gemeinde Liebfrauen-Überwasser und weiteren Partner­*innen auf dem Über­wasser­kirch­platz zeigen. Weitere Infor­mationen zur Aus­stellung und zum Netz­werk findet Ihr hier.

In der Ausstellung „Zwischen Erfolg und Verfolgungen‟ lernen Besu­cher­*innen an­hand von 17 Biogra­phien, welch große Bedeu­tung jü­dische Sportler­innen und Sportler für die Ent­wick­lung des moder­nen Sports in Deutsch­land hatten und haben. Die Aus­stellung würdigt Athlet­innen und Athleten, die als National­spieler, Welt- oder Europa­meister, Olympia­sieger und Rekord­halter zu den gefeierten Idolen ihrer Zeit gehörten. Neben den Erfolgen zeigt die Aus­stellung aber auch die Verfolgungs­geschichte dieser Menschen. Nur weil sie Juden waren, wurden sie im NS-Staat aus­gegrenzt, ent­rechtet, zur Flucht gedrängt oder ermordet.

Mit der Podiums­veranstaltung „Jüdischer Sport in Deutschland und im Münster der 1930er Jahre‟ richtete der FANport Münster den Blick auf unsere Stadt und stellte die Frage, unter welchen Um­ständen es jüdischen Münste­raner­*innen nach 1933 mög­lich war, sportlich aktiv zu ein.

Lorenz Peiffer: „Jüdischer Sport in Deutschland – Veränderungen nach 1933‟

Nach einer Begrüßung durch Edo Schmidt, den Leiter des FANports Münster, der die Veran­staltung mode­rierte, eröffnete Professor Lorenz Peiffer, Sport­historiker und Kurator der Aus­stellung „Zwischen Erfolg und Verfolgung‟, den Abend mit seinem Vortrag „Jüdischer Sport in Deutschland – Veränderungen nach 1933‟. Professor Pfeifer erläu­terte den inte­ressierten Zuhörer­*innen, dass jüdische Sportler­*innen vor 1933 in den ganz normalen deutschen Sport­vereinen organisiert waren. Hier trainierten sie, nahmen an Wett­kämpfen, Meister­schaften und dem Vereins­leben teil. Nach der Macht­übergabe an die National­sozialisten änderte sich dies schlag­artig. Der Aus­schluss der Juden aus der Gesell­schaft war das Ziel der national­sozialis­tischen Politik und auch nicht­staatliche und partei­un­gebun­dene Akteure, wie die Turn- und Sport­vereine, stellten sich hierfür bereit­willig zur Ver­fü­gung. Von der Ent­demo­krati­sierung der Vereine und ihrer Ver­bände, über die Auf­gabe der partei­poli­tischen Neu­tralität, hin zur Ein­führung des Arier­para­graphen wurden die jüdischen Mit­glieder syste­matisch aus­ge­schlossen. Den Sportler­*innen blieben nur noch zwei Mög­lich­keiten: Ent­weder gaben sie ihren Sport auf oder sie organi­sierten sich selbst neu.

Dass die National­sozialisten die jüdische Selbst­organisation zu­ließen, hatte im Wesent­lichen mit den Olympischen Spielen zu tun, die 1936 in Berlin statt­finden sollten. Vor allem in den USA gab es Bemühungen, die Spiele zu boy­kottieren. Jüdischen Athlet­innen und Athleten wurde die Teil­nahme an den Spielen teil­weise erlaubt, aber sie waren bereits lange Zeit zuvor von den Trainings­stätten und Wett­kämpfen aus­geschlossen worden und die Bedingungen, unter denen sie sich auf die Olym­pischen Spiele vor­berei­ten mussten, waren dem­ent­sprechend un­zu­reichend und un­an­gemessen.

Auch in der Ausstellung „Zwischen Erfolg und Verfolgung‟ werden die un­zu­mutbaren Bedingungen, die für die jüdischen Athleth­innen und Athleten bei der Olympiade 1936 herrschten, thematisiert: Der Fechterin Helene Mayer entzog man 1933 das Sti­pendium und sie wurde sang- und klan­glos aus der Mitglieder­liste ihres Offenbacher Fechtclub gestrichen. Der Welt­klasse-Hoch­springerin Gretel Bergmann wurden 1933 die Medaillen ab­erkannt und sie wurde aus ihrem Verein aus­geschlossen. Der Aus­schluss bedeutete: keine Sport­stätten, keine Trainer, Betreuer oder Wettkampf­strukturen. Wo und wie sollten die Athlet­innen und Athleten also trainieren? Gretel Bergmann und ihre Freunde gruben auf eigene Faust einen Acker um und nutzten ihn als Trainings­stätte, damit sie sich weiter auf den Wett­kampf vorbereiten konnte. Selbst unter diesen Trainings­bedingungen gelang es ihr vier Wochen vor den Olympischen Spielen, den deutschen Rekord über 1,60 Meter ein­zu­stellen. Die Teil­nahme an der Olympiade wurde Gretel Bergmann dennoch mit faden­scheinigen Begründungen ver­weigert. Der Um­gang mit den jüdischen Spitzen­sportler­*innen kann laut Professor Peiffer in drei Worten zusammen­gefasst werden: Verehrt – Verfolgt – Vergessen.

Gisela Möllenhoff: „Sport im Abseits in Münster während der NS-Zeit‟

Ob und unter welchen Bedingungen es jüdischen Münsteraner­*innen nach 1933 noch mög­lich war, Sport zu treiben, erläuterte Gisela Möllen­hoff in ihrem an­schlie­ßenden Vortrag zum Thema „Sport im Abseits in Münster während der NS-Zeit‟. Die Historikerin Gisela Möllenhoff hat inten­siv zu jüdischem Leben in Münster und Wes­tfalen ge­forscht und gemein­sam mit Rita Schlautmann-Overmeyer das drei­bändige Werk „Jüdische Familien in Münster‟ ver­öffent­licht.

Der Sport spielt in den Erinnerungen der jüdischen Münsteraner­*innen eine wichtige Rolle: Richard Frankenstein war zunächst Mit­glied beim SC Preußen Münster 06 und später, nach 1933, im Schild Münster aktiv. In seinem Ge­spräch mit Gisela Möllenhoff erinnerte er sich an ein Fuß­ball­spiel gegen Dülmen-Coesfeld, in dem er im Tor gestanden hatte. Noch 50 Jahre später ärgerte sich Richard Franken­stein über die 7 Gegen­treffer, die er in diesem Spiel als Torwart kassierte. Auch für die Münsteranerin Gerda Grabe war der Sport ein ent­scheidender Lebens­inhalt. Gerda Grabe war Tennis­spielerin und Mit­glied der Tennis­abteilung des SC Münster 08. Hier im Verein hatte sie einen Freund. Ihr Onkel er­kannte die Gefahr für Gerda früh und 1935 emigrierte sie auf seinen Wunsch hin nach Palästina.

Nach dem Aus­schluss aus den Tennis­vereinen organisierten sich die jüdischen Münsteraner­*innen unter Dagobert Broh selbst. Auf der Mai­kotten­heide, außer­halb der Stadt, spielten die Jüdinnen und Juden nach dem Aus­schluss Tennis. An den Wochen­enden mussten die Tennis­plätze hier mit Tuch um­zogen werden, damit die „arischen‟ Münsteraner­*innen die Tennis­spieler*innen auf ihrem Weg zur Gast­wirtschaft Mai­kotten nicht sehen konnten. Die trainierten, sportlich aktiven Jüdinnen und Juden passten nicht zu den anti­semitsichen Stereo­typen und menschen­verachtenden Zerr­bildern der National­sozialisten.

Für ihre Recherchen zu jüdischem Leben in Münster reisten Gisela Möllenhoff und Rita Schlautmann-Overmeyer durch die ganze Welt, waren unter anderem in den USA, Österreich, England und Israel. Hier haben sie jüdische Münsteraner­*innen zu ihren Lebens­geschichten und Erfahrungen inter­viewt, „damit wir für die Zukunft lernen‟. „Aber‟, schließt Gisela Möllen­hoff ihre ein­drück­lichen Aus­führungen ab, „wir lernen nie aus.‟

FANport Münster und Lernort Preußenstadion: Das Projekt „Spurensuche‟

Jan Becker vom Ler­nort Preußen­stadion präsen­tierte im An­schluss an die beiden Vor­träge das außer­schulische Bildungs­angebot „Spuren­suche‟. Der FANport Münster und der Lern­ort Preußen­stadion sind aktiv im Bereich der Gewalt- und Extremismus­prävention und eine An­lauf­stelle für junge Fußball­fans. Aus der aktiven Fan­szene erreichte den FANport die Frage, „Wie hat sich Preußen Münster in der NS-Zeit verhalten?‟. Die Corona-Pandemie bremste die eigent­liche soziale Arbeit des FAN­ports in den letzten Monaten aus und so nutzen Edo Schmidt, Jan Becker und das Team die Gelegen­heit, sich intensiver mit der Ge­schichte zu be­fassen.

Im Rahmen ihrer Re­cherchen stießen sie auf die Bücher von Gisele Möllen­hoff. „Zeile für Zeile‟ schilderte Jan Becker, arbei­teten sie die Bände durch, notier­ten alle Infor­ma­tionen zum Thema „Fußball‟, „Sport‟, „Verein‟ etc. Schnell weitete sich das Thema über den SC Preußen hi­naus und so wurde es schließ­lich ein Projekt zum Sport in Münster in der Zeit des National­sozialismus. Das Team konzi­pierte vier ver­schie­dene Routen, die sich dem Thema aus unter­schied­lichen Richtungen nähern: „Sport im National­sozialismus‟, „Der jüdische Sport­verein 'Schild'‟, „Ernst Rappoport‟ und „DJK – zwei ent­gegen­ge­setze Wege‟. Die „Spuren­suche‟ führt die jungen Teil­nehmer­*innen jeweils zu ver­schie­denen Orten in der Stadt Münster. Das Projekt wurde gemein­sam mit Jugend­lichen er­probt und steht nun für Sport­vereine, Schul­klassen und Jugend­gruppen zur Ver­fü­gung.

„Mit unserem Projekt 'Spuren­suche' versuchen wir, die Ein­schränkungen für jüdisches Leben in Münster zur Zeit des National­sozialismus erfahr­bar zu machen‟, erklärte Edo Schmidt.  „Wie krass die Ent­rechtung und Ver­folgung jüdischer Bürger­*innen war, wird besonders in Alltags­situationen deut­lich, die sich heute kaum noch ein Mensch vor­stellen kann. Gerade junge Menschen müssen hierüber auf­ge­klärt werden, was durch unser Projekt 'Spuren­suche' als An­gebot für Schulen und Jugend­einrichtungen er­mög­licht wird.‟

Weitere Infos zum Projekt „Spuren­suche“ findet Ihr auf der Homepage des FANports Münster.

1 Kommentare
  1. Stefan Querl sagte:

    Die Forschungen von Gisela Möllenhoff und Rita Schlautmann-Overmeyer sind wahrlich eindrucksvolle und anerkennenswerte Beiträge zur Aufarbeitung der Geschichte jüdischer Familien aus der Region. Und die themenbezogenen Impulse las ich mit besonderem Interesse. Danke an alle Beteiligten für den gestrigen offensichtlich sehr gelungenen Abend, dessen Verlauf hier Revue passiert wird online.

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