Frieden auf Schritt und Tritt
Münster ist die Stadt des Westfälischen Friedens – ein historischer Titel, der weit über das bekannte Ereignis von 1648 hinausreicht. Denn Frieden hat viele Facetten: Er zeigt sich nicht nur in großen politischen Momenten, sondern auch im Alltag, an Orten, die oft übersehen oder kaum bewusst wahrgenommen werden. Mit unserer neuen Blog-Reihe „Frieden auf Schritt und Tritt“ möchten wir Münster aus genau diesen unterschiedlichen Perspektiven betrachten und verborgene Friedensorte sichtbar machen. Den Auftakt macht unsere Praktikantin Laura Rüttershoff, die sich intensiv mit einem dieser besonderen Orte auseinandergesetzt hat:
Teil 1: Skulptur „Wasser in Münster“
Wer über den Prinzipalmarkt schlendert, kann nicht nur über das ein oder andere Kopfsteinpflaster stolpern, sondern auch über jede Menge Stadtgeschichte, die zwischen den Steinen liegt.
So könnt Ihr z.B. auf die Skulptur „Wasser in Münster“ stoßen, welche etwas versteckt auf der rechten Straßenseite in das Pflaster des Prinzipalmarkts eingelassen ist. Viele von Euch sind womöglich schon mal daran vorbeigelaufen- oder gefahren, ohne sie zu bemerken. Dabei verbirgt sich hinter diesem Kunstwerk ein spannender, wenn auch dunkler Teil der Münster Stadtgeschichte.
Entworfen vom Gievenbecker Künstler und früherem Architekt Adolph W. Knüppel, wurde das Werk im Jahr 2000 in das Pflaster des Prinzipalmarkts eingelassen. Die Skulptur besteht, von der Mitte ausgehend, aus einem Metallzylinder mit Glasabdeckung, welcher von vier Pflastersteinen mit unterschiedlichen Markierungen umrahmt wird. Gemeinsam bilden diese Elemente ein Kreuz, das in die Richtung des Rathauses weist.
Besonders spannend dabei ist: Im Zylinder plätschert zur einen Hälfte Wasser aus einem unterirdischen Brunnen unter dem Prinzipalmarkt, welcher vermutlich schon zu Täuferzeiten existierte und zur anderen Hälfte Wasser aus dem Jordan, dem Fluss, in dem laut der Bibel die Taufe Jesu stattfand. Als vor vielen Jahren der Zylinder beschädigt wurde, entlief das ganze Wasser, sodass es erneut aus dem Jordan importiert werden musste: gar nicht mal so leicht!
Der Zylinder wird weiterhin von auf drei Pflasterstein abgebildeten Engelsflügelpaaren umschlossen. Auf dem vierten Pflasterstein sind die Jahreszahl 1534 und das Wort „Wiedertäufer“ eingraviert.
Übrigens: Auch wenn „Wiedertäufer“ meist umgangssprachlich verwendet wird, versteht man es mittlerweile als historisch geprägten, oft abwertenden Begriff. Erwachsene, die damals bereits bei Geburt getauft wurden, mussten unter den Täufern nochmal die Erwachsenentaufe durchlaufen. So entstand der Begriff der „Wiedertaufe“. Wenn Ihr einen weniger aufgeladenen Begriff verwenden wollt, ist eine Alternative „Täufer.“
Hartwig Homann-Sommerhage, Mitarbeiter der Münster Information und in seiner Freizeit Stadtführer, erläutert, dass diese Skulptur das Thema der Taufe symbolisch in den Mittelpunkt stelle, da dieses während der Reformation zu schrecklichen Auseinandersetzungen geführt habe. So auch zwischen den Täufern, denen die Bekenntnistaufe wichtig war und der Kirche, welche an der Taufe ab Geburt festhielt.
1534 erlangten die Täufer in Münster die Mehrheit im Stadtrat und entwickelten sich zu einer historisch einzigartigen religiösen und politischen Bewegung, die unter starkem Druck der bischöflichen Belagerung stand und sich rasch radikalisierte. Im Zuge dessen entstanden Zwangstaufen und eine gewaltsame Durchsetzung ihrer Ideen.
Nach anderthalb Jahren endete die Täuferherrschaft brutal. Die drei Anführer Jan van Leiden, Bernhard Knipperdolling und Heinrich Krechting wurden 1536 öffentlich hingerichtet. Ihre Leichen wurden in eisernen Körben an der St. Lambertikirche aufgehängt, welche heute das wohl bekannteste Mahnmal dieser Zeit sind. Der Verbleib der Körbe ist bis heute umstritten.
Die Skulptur befindet sich übrigens bewusst platziert zwischen den Häusern Nr. 29 und 41, in denen die beiden Täuferbürgermeister Bernhard Knipperdolling und Gerhard Kibbenbrock jeweils während ihrer Herrschaft wohnten.
Hartwig Homann-Sommerhage weist außerdem, vor allem in Kontrast zu den Eisenkörben, auf Elemente der Skulptur hin, die sich auch als eine „versöhnliche Erinnerung“ interpretieren lassen können. Das gemischte Taufwasser im Zylinder, die Umrahmung durch die Engelsflügel und die eingravierte Friedenstaube mit einem Ölzweig im Schnabel lassen auf eine Perspektive schließen, die nicht nur mahnend auf die Gräueltaten durch den Streit zwischen Täuferreich und Kirche hinweist, sondern auch an den Frieden appelliert.
Also: Beim nächsten Spaziergang über den Prinzipalmarkt lohnt es sich, mal kurz stehenzubleiben und unter die Füße zu schauen. Denn in Münster findet sich Frieden auf Schritt und Tritt!
Von Laura Rüttershoff
Quellen: Stadtarchiv Münster und Hartwig Homann-Sommerhalde, Münster Information
Bildnachweis: Dietmar Rabich, Münster, Prinzipalmarkt, Wiedertäufer-Skulptur — 2017 — 2057, CC BY-SA 4.0


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