Eröffnung der Ausstellung „Zwischen Erfolg und Verfolgung“ auf dem Überwasserkirchplatz

Heute wurde auf dem Überwasser­kirchplatz in Münster die Aus­stellung „Zwischen Erfolg und Verfolgung – Jüdische Stars im deutschen Sport bis 1933 und danach“ eröffnet.

Anhand von 17 Biogra­phien würdigt die Wander­ausstellung „Zwischen Erfolg und Verfolgung‟ die große Bedeu­tung jüdischer Sportler­innen und Sportler für die Ent­wicklung des modernen Sports in Deutsch­land. Die Aus­stellung wird bis zum 25. Juli zu sehen sein, der Eintritt ist frei.

Für die Um­setzung des Projektes hat sich in Münster ein breites Netz­werk zusammen­gefunden. Die Veranstalter*­innen und Kooperations­partner*­innen bieten im Zeit­raum der Aus­stellung darüber hinaus ein viel­fältiges Begleit­pro­gramm an. Weitere Infor­mationen findet Ihr hier.

Bei der heuti­gen Eröffnungs­veran­staltung sprachen Ober­bürger­meister Markus Lewe, der 1. Vor­sitzende der Jüdischen Gemeinde Münster Sharon Fehr, der Präsident des Mit­veranstalters SC Preußen 06 e. V. Münster Christoph Strässer und Dr. Henry Wahlig, Kurator der Aus­stellung und Leiter des Kultur- und Veran­staltungs­programms DFB-Stiftung Deutsches Fußball­museum.

Ober­bürgermeister Markus Lewe erklärte im Rahmen der Aus­stellungs­eröffnung: „Jüdisches Leben in Deutsch­land ist nicht nur ein Thema für das Museum. Jüdisches Leben ist nichts Fremdes, sondern war schon immer Teil unserer Gesell­schaft, es gehört zu uns und das wollen wir sichtbar machen. Unter anderem mit dieser Aus­stellung holen wir es sprich­wörtlich in die Mitte unserer Stadt. Thema der Aus­stellung ist der Sport. Sie zeigt, wie es auch hier zu Aus­schluss, Diskrimi­nierung und Verfol­gung ge­kommen ist und immer noch kommt. Die Aus­stellung zeigt aber auch, wie Sport Menschen aktiv und spielerisch zusammen­bringen und somit verbinden kann.“

Christoph Strässer, Präsident des SC Preußen und maß­geblicher Initiator der Aus­stellungs­umsetzung in Münster, führte aus: „Die Ausstellung zeigt in eindrucksvollen und bewe­genden Bildern das Leben von jungen Menschen, von Sportler­innen und Sportlern, die zunächst wegen ihrer Leistungen und Erfolge gefeiert und bejubelt wurden – und dann aus einem einzigen Grund verfolgt, verhaftet und ihrer Würde beraubt: Sie waren Jüdinnen und Juden. Ihr Schick­sal zu zeigen ist für den Sport und einen großen Sport­verein wie Preußen Münster nicht nur ein Blick in die Vergangen­heit, sondern auch und gerade in Gegen­wart und Zu­kunft. Sport findet nicht in einem Vakuum statt. Sport und ins­besondere eine Sport­art wie Fuß­ball sind mitten in unserer Gesell­schaft. Und gerade in Zeiten, in denen Rassismus und Antisemitismus, Homophobie und Diskriminierung auch in dieser Gesell­schaft wieder an Zuspruch gewinnen, wo Synagogen unter Polizei­schutz gestellt werden müssen und Juden abgeraten wird, sich mit ihrer traditionellen Kopfbedeckung, der Kippa, in der Öffentlich­keit zu bewegen, gilt es Flagge zu zeigen. Auch und gerade für einen Fußball­verein wie Preußen Münster. Wir haben aus unserer Geschichte gelernt. Rassismus und Antisemitismus haben in unserer Gesell­schaft keinen Platz – schon gar nicht in unserem Stadion.“

Das Friedens­büro freut sich sehr, diese so wichtige Ausstellung hier in Münster mit einem viel­fältigen und breiten Netz­werk umsetzen zu können. Wir möchte uns sehr herzlich bei allen Veranstalter*­innen und Kooperationspartner*­innen für die Zusammen­arbeit bedanken! Veranstalter der Aus­stellung sind der SC Preußen 06 Münster, Gegen Vergessen Für Demokratie Münster­land, die Gesell­schaft für Christlich-Jüdische Zusammen­arbeit Münster, der Stadt­sportbund Münster, das katholische Stadt­dekanat Münster, der Evangelische Kirchen­kreis Münster und die Stadt Münster/ Münster Marketing/ Friedensbüro. Die Veran­staltung findet in Koope­ration mit der Jüdischen Gemeinde Münster, dem Geschichts­ort Villa ten Hompel, dem FANport Münster, dem Fanprojekt Preußen Münster, der Katholischen Kirchen­gemeinde Liebfrauen-Überwasser, der Deutsch-Israelischen Gesell­schaft, dem Verein Spuren Finden, dem Stadt­archiv Münster und dem Projekt „Sport, Sprache, Integration“ beim Amt für Schule und Weiter­bildung der Stadt Münster statt.

Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Münster, Herr Sharon Fehr, hat uns für die Leser*innen des Friedensblogs, das Grußwort zur Verfügung gestellt, das er heute anlässlich der für Ausstellungseröffnung auf dem Überwasserkirchplatz gehalten hat. Vielen herzlichen Dank, Herr Fehr, für Ihre Unterstützung und Ihre Worte!

Grußwort von Sharon Fehr, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Münster

„Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Markus Lewe, Sehr geehrte Herr Christoph Strässer, Herrn Henry Wahlig, verehrte Damen und Herren, Shalom,

ich danke dem Friedensbüro der Stadt Münster für die freundliche Einladung, im Rahmen der heutigen Eröffnung der Wanderausstellung: „Zwischen Erfolg und Verfolgung – Jüdische Stars im deutschen Sport bis 1933 und danach‟ des Zentrums deutsche Sportgeschichte e.V.  für die Jüdische Gemeinde in Münster ein Grußwort an Sie richten zu dürfen.

Ich freue mich, dass diese Ausstellung, die bereits in vielen deutschen Städten zu sehen war, zuletzt in Bochum, dank des Einsatzes des Friedensbüros der Stadt Münster zu sehen ist. Beteiligt an der Ausstellung sind erfreulicherweise viele Kooperationspartner/innen wie der Geschichtsort Villa ten Hompel, das Fanprojekt Preußen Münster e.V., die katholische Kirchengemeinde Liebfrauen -Überwasser, der Verein Spuren finden e.V., das Stadtarchiv Münster, die Deutsch-Israelische Gesellschaft und die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Münster e.V.

Damit erhält die Ausstellung breite Unterstützung, was mich sehr freut und für Münster, die Stadt des Westfälischen Friedens, spricht!

Die Ausstellung stellt uns fünfzehn ausgewählte jüdische Sportlerinnen und Sportler vor. Auf der Rückseite der lebensgroßen Abbilder erhalten wir Informationen zu den Biografien, Erfolgen und Schicksalen der einzelnen Sportlerinnen und Sportler.

Ihnen allen ist gemeinsam: Sie sind jüdisch und zugleich sehr erfolgreiche deutsche Athletinnen und Athleten im deutschen Leistungssport. Alle erkämpften sie hohe Auszeichnungen und Rekorde für Deutschland – aber der Hass der Nazis verschonte auch sie nicht, die jüdischen Spitzensportler in Deutschland.

Deutschland wollte sie nicht mehr – weil jüdisch – nun, liebe Chawerim, kehren sie zurück und stehen ihre überlebensgroßen Silhouetten in voller sportlicher Aktion hier auf dem Überwasserkirchlatz in Münster, um sie nicht zu vergessen; an ihre Leistungen und Schicksale zu erinnern und liebe Freunde, um die Spitzensportleistungen der jüdischen Athletinnen und Athleten für Deutschland auch öffentlich zu würdigen.

Bis heute ist so wenig bekannt über die Ausgrenzung von Juden im deutschen Sport und auch deswegen möchte ich es ausdrücklich begrüßen, dass diese Ausstellung „Zwischen Erfolg und Verfolgung‟ hier an diesem Ort in Münster zu sehen ist – weil so wichtig!

„Wir zollen jeder Sportlerin und jedem Sportler Anerkennung und Respekt. Uns begeistert der Sport in seiner unerschöpflichen Vielfalt, und wir schätzen seine verbindende Kraft‟.

Diese Worte aus dem heutigen Selbstverständnis des deutschen olympischen Sportbundes prägen unser aller Sportleben und stehen für das, was den Sport so besonders macht: „Einheit und Freiheit‟ und dies auf der unabdingbaren Grundlage von TOLERANZ & FAIRPLAY!

Für jüdische Sportler*innen aber galt das nicht. Nur weil sie Juden waren, wurden jüdische Sportler*innen aller Altersgruppen während der barbarischen NS-Zeit aus ihren Sportvereinen ausgeschlossen, Titel wurden aberkannt.

Eine weitere und besondere antisemitische Schikane im landesweiten rassistisch antisemitischen Radikalisierungsprozess gipfelte darin, dass jüdischen Sportler, die notgedrungen damit begonnen hatten, sich in eigenen jüdischen Sportgruppen zu organisieren, die Benutzung öffentlicher Sportanlagen und Trainingsstätten verboten wurde.

Das Verbot, an Trainings und sportlichen Wettkämpfen in den Vereinen nicht mehr teilnehmen und auch Sportstätten nicht mehr betreten zu dürfen, bedeutet für jüdische Athletinnen und Athleten Abschied nehmen zu müssen von Lebensinhalten und sportlicher Leidenschaft.

Deutschland wollte und tolerierte sie nicht mehr und wurden indes wegen ihres jüdisch-Seins angefeindet.

Es ist eine beispiellose Sportgeschichte, an die uns die die Wanderausstellung „Zwischen Erfolg und Verfolgung‟ erinnern möchte und deren überlebensgroße Abbildungen auf uns wie riesige überdimensionierte Stolpersteine wirken und uns laut zurufen, dass Ausgrenzung, Rassismus und Antisemitismus in Deutschland keinen Platz mehr haben dürfen.

Doch, verehrte Damen und Herren, mein Grußwort an Sie wäre unvollständig, würde ich nicht auch über die wachsende Sorge zu Ihnen sprechen, wie Rassismus und Antisemitismus sich in diesen Zeiten äußern.

Wir müssen beobachten, wie Rassismus und Antisemitismus sichtbarer und enthemmter auftreten.  Beleidigungen, Drohungen oder Verschwörungstheorien richteten sich offen gegen jüdische Bürgerinnen und Bürger. In sozialen Medien triefen viele Äußerungen geradezu vor Hass und Hetze.

Die Schüsse auf die Bochumer Synagoge Ende April 2021, der antisemitische Mob von 180 jungen Menschen vor der Synagoge in Gelsenkirchen, der, wie vor der Synagoge in Münster am 11. April laut skandierte: Juden raus / Juden zum Teufel oder der Brandanschlag Anfang Juni 2021 auf die Synagoge in Ulm, alles Beispiele jüngsten Datums die uns einmal mehr deutlich zeigen:

Jüdisches Leben in Deutschland ist noch immer gefährdet.

Tag für Tag gibt es antisemitische Übergriffe.

Jeder Angriff auf jüdisches Leben ist aber auch ein Angriff auf die Demokratie.

Unser Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, Dr. Josef Schuster sagt:  Angesichts der Übergriffe, Ausgrenzungen und Anschläge stelle sich heute wieder leise die Frage, „wie sicher wir hier noch leben können‟.

Ist es nicht die gleiche Frage, wie sie jüdische Athletinnen und Athleten sich vor 85 Jahren stellen mussten?

Ich denke noch an die Worte des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier bei einem Besuch der Holocaust-Gedenkstätte „Yad Vashem‟ in Israel im vergangenen Jahr:

„Ich wünschte sagen zu können: Wir Deutsche haben für immer aus der Geschichte gelernt. Doch das geht angesichts dieser Entwicklung nicht. Zeit, Worte und Täter sind heute nicht dieselben wie damals, aber es ist dasselbe Böse.

Liebe Chawerim, in Vorbereitung auf mein Grußwort zur heutigen Eröffnung der Wanderausstellung habe ich in der Mediathek des ZDF die Dokumentation „Schwarze Adler‟ angesehen. Eine Dokumentation, die mehr ist als die Geschichte des deutschen Fußballsports zurückliegender Jahre.

Das Ausmaß rassistischer Beleidigungen und Übergriffen sowie das Ausmaß von Intoleranz und Ausgrenzung auch und vor allem der Gegenwart haben mich tief, sehr tief berührt.

Ich stellte mir danach die Frage: Wenn gar bekannte Sportheld*innen Erfahrungen von Rassismus, von Ausgrenzung machen mussten und auch gegenwärtig machen müssen, wie mag es dann wohl all jenen ergehen, die keine Berühmtheit erlangen? Haben sie nicht ebenso unsere Achtung und unseren Respekt verdient? – und zwar völlig unabhängig ihrer Hautfarbe, ihrer ethnischen Herkunft, Religion, ihrer sexuellen Orientierung oder sonstig zugeschriebener Attribute!

Es scheint, als würden Rassismus und Antisemitismus sich als nahezu einzige unveränderte Konstante in unserer sich rasch wandelenden Gesellschaft in Tendenzen der Verächtlichmachung und Ausgrenzung fest verankert zu haben und damit auf ein gesellschaftlich tief verwurzeltes Problem hinweisen.

Liebe Freunde, liebe Chawerim, wir dürfen dennoch die Hände nicht in den Schoß legen und auch nicht länger schweigen.

In diesem Jahr feiern wir 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland.

Dies ist eine große Chance zu zeigen, dass 71 Jahre nach der Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten die großartige Vielfalt jüdischen Lebens heute in der deutschen Gegenwart wieder gewollt ist und durch Rassisten, Antisemiten und

Rechtspopulisten, die im Bundestag rechts außen sitzen, nicht ins Wanken gebracht werden kann.

Unsere freiheitlich demokratische Grundordnung garantiert die Glaubens- und Religionsfreiheit.

Zu ihr gehört auch das wir Kippa und Davidstern offen tragen können, ohne angepöbelt, angestarrt, beleidigt oder körperlich attackiert zu werden.

Für diese Freiheit, liebe Freunde, lieber Chawerim, lohnt es gemeinsam zu kämpfen.

Das wäre meine Botschaft, die ich mit der Ausstellung hier in Münster verknüpfe.

So gesehen wünsche ich der Wanderausstellung in Münster namens unserer Jüdischen Gemeinde Münster viel Erfolg, regen Zulauf und inspirierende Diskussionen über den heutigen Tag der Eröffnung der Ausstellung hinaus Zuhause, am Arbeitsplatz und in Schulen als Prävention und Bekämpfung von Antisemitismus.

Herzlich Shalom

Salam aleikum / Shalom Alechem / Friede mit Euch allen.‟

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